Bergapotheke Zellerfeld

Die Zellerfelder Berg-Apotheke...

...ist ein "Kleinod des Oberharzes" und wird in Zeitschriften sogar als "eine Sehenswürdigkeit, die im Harze einmalig ist", bezeichnet. Sie birgt viele Besonderheiten und Kuriositäten, die künstlerisch zwar weniger wertvoll oder von besonderer Schönheit sind, aber durch ihre eigenartige und meist originelle Gestaltung sehr anziehend wirken.

Leider existieren keinerlei alte Schriften, die ihre Bedeutung erklären, und so gibt das Haus interessierten Leuten eine Menge Rätsel auf.

Ich will einmal versuchen, diese Rätsel zu einer möglichen Lösung zu bringen (richtig lösen kann man sie nicht), um die Verworrenheit der Vermutungen und Behauptungen etwas zu entwirren.

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Das Äußere

Im Mittelpunkt von Zellerfeld steht der Apothekenbau als ein stattliches, zweistöckiges Haus, das Zellerfeld neben der Kirche seine Prägung gibt.

Durch seine guten Proportionen und die klare Linienführung wirkt es harmonisch und gediegen.

Die schwere Eingangstür liegt in der Mitte der Taufseite.

Sie bestimmt die Anordnung der acht Fenster im Erdgeschoß, drei rechts, drei links und jeweils eines direkt neben der Tür.

Das erste Stockwerk hängt, wie man es auch an mittelalterlichen Fachwerkhäusern sieht, ein klein wenig über. Die Fenster sind dort ebenso wie im Parterre verteilt, und ein weiteres Fenster ersetzt die Tür.

Dem hohen Dach sitzt in der Mitte ein großer Dachreiter auf, schon mehr ein Erker, der zwei kleine Zimmer und eine Bodenkammer beherbergt. Zu seinen beiden Seiten unterstreichen zwei Schornsteine den symmetrischen Aufbau des Hauses. Früher besaßen sie einen turmartigen Aufbau, der aber heute nur noch zum Teil vorhanden ist.

Die Giebelseite des Hauses wendet sich der Straße zu. Sie ist in ihrer breitflächigen Proportionierung mit den dreistufigen Übergängen bemerkenswert.

Kaum würde man vermuten, daß sich unter der schlichten Hausverkleidung des Hauses ein Fachwerkbau verbirgt, der mit kunstvollen Schnitzereien reich verziert ist. Wahrscheinlich wurden sie und das Mauerwerk von der rauen Witterung des Oberharzes zu stark angegriffen, so daß sie zum Schutz verschalt werden mußten.

Ein kleiner Teil der Schnitzereien ist aber auch heute noch zu sehen. Betrachten wir uns den Apothekenbau einmal aufmerksam, so entdecken wir an Front- und Giebelseite oberhalb der Fenster eine Reihe geschnitzte Menschenköpfe, eine ebenso seltsame wie kuriose und merkwürdige Besonderheit.

Fast alle Köpfe zeigen so wunderliche Gesichtsausdrücke, daß sie zu Fratzen verzerrt sind.

Nach ihnen hat die Berg-Apotheke den Beinamen "Fratzenapotheke" bekommen.

Die vierundsechzig Fratzen unterscheiden sich auf die vielfältigste Art in Ausdruck, Kopfputz und Form.

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Die meisten wirken grotesk, plump und unnatürlich, doch sind sie kunstvoll und mit allen Feinheiten geschnitzt, so daß die seltsamen Gesichtszüge nicht etwa dem fehlenden Geschick der Meister zuzuschreiben sind.

Dennoch kann man nicht recht verstehen, was der Bauherr mit dieser seltsamen Verzierung seines Hauses zum Ausdruck bringen wollte oder was für einen Sinn er ihnen zuschrieb.

Böse Zungen behaupten, daß er die Einwohner von Clausthal und Zellerfeld glossiert habe, denn die Bergstädte waren damals "Freistätten, wo Schulden, die auswärts gemacht waren, nicht beigetrieben werden konnten, und wo diejenigen, die in Notwehr oder sonst unvorsätzlich einen Totschlag begangen hatten, eine sichere Zuflucht fanden"*

Andere Leute vermuten, daß die Köpfe die verschiedenen Menschenrassen, z.B. Asiaten, Afrikaner, Europäer und ihre Verwandten darstellten oder nach einer anderen Version die Stände Adel, Geistlichkeit, Bauernstand und Bürgertum. Vielleicht versinnbildlichen die Fratzen die Skala menschlicher Laster und Tugenden wie Brutalität, Demut, Jähzorn und Frömmigkeit, oder sie sollen nur veranschaulichen, welche Ausdrucksformen ein Antlitz zu bilden fähig ist.

Bisher glaubte man, daß die Fratzen jeweils das Ende eines Deckenbalkens bezeichneten, oder daß sie sogar in die Balkenköpfe oder das Fachwerk eingeschnitzt seien. Verfolgen wir jedoch die Balken im Inneren des Hauses, so enden sie meistens über den Fratzen, und wenn wir diese wiederum aufmerksam von der Seite betrachten, erkennen wir, daß sie an der Hauswand, ja sogar auf der Holzverkleidung befestigt sind. Als das Haus verschalt wurde, haben die Meister sie also entfernt und danach wieder angebracht.

Die Zahl der Fratzen wird im Volksmund übrigens mit neunundneunzig angegeben, und "wer die hundertste bringt, der bekommt die Apotheke!"

"Es stellt sich nun die Frage, ob sich in diesen vierundsechzig Köpfen mit unterschiedlichem mimischen Gesichtsausdruck die skurile Laune und das Schmuckbedürfnis des Bauherrn ausspricht, der spätbarocke Grotesken an seinem Haus anbringen ließ, oder muß man ihnen besondere Bedeutung und einen verborgenen Sinn beimessen. ...

Schreckmaske und Neidkopf als Abwehrzaubern gegen von außen kommende böse Einflüsse lassen auf den Hintergrund eines magischen Weltbildes animistische Vorstellungen erkennen. Es ist der Glaube an Abwehr von Unheil durch Schreckbilder. Dieser Glaube an die apotropäische Wirkung von bösartige verzerrten Tier- und Menschengesichtern findet sich bei vielen Völkern [3] und wirkt unterbewußt bis in die neuere Zeit hinein. ... Ein letztes Überbleibsel aus dem Arsenal der magischen Abwehr von Unheil ist das Maskottchen am Autofenster. ...

Bei allen hier vorgeführten Abschreckköpfen und Fratzen muß man sich klar darüber sein, daß die Erfassung ihres ganzen Sinngehaltes heute schwerfällt. Auf jeden Fall bedeutete dem Menschen früherer Zeiten, der in einer anderen Vorstellungswelt lebte, die bildliche Darstellung eines Begriffes mehr, als wir heute ahnen können."

[3] Burgsialler, E., Maskenschnitzereien an oberösterreichischen Bauernhäusern. Volk und Heimat, Festschr. für Viktor v. Geramb. Graz 1949.

Aus: Dr. Wilhelm Völksen, "Die Berg-Apotheke in Clausthal-Zellerfeld und ihr Bildschmuck", aus der Zeitschrift "Niedersachsen", Märzausgabe 1981

Ein weiterer sichtbarer Teil der Schnitzereien des Holzwerks ordnet sich harmonisch in die untere Fratzenreihe als Relief über der Eingangstür.

Es zeigt das Wappen des Bauherrn Jakob Andreas Herstelle und das seiner Frau Anna-Katharina Drechsler.

In den oberen Rand des Reliefs ragt ein pralles Puttengesicht, das die Inschrift "Deo et proximo" (Gott dem Nächsten) teilt, während man an der unteren Kante gerade noch die Jahreszahl 1674 erkennen kann. Darüber sind nebeneinander in viele Schnörkel gebettet die beiden Wappen geschnitzt.

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Das rechte besteht aus einem Halbmond mit zwei darüberliegenden Sternen und einem aufrechten Löwen mit Hammer und Schlägel auf dem Wappenhelm. Darunter steht im Halbkreis der Name Anna Katharina Drechsler. Hammer und Schlägel deuten auf die Herkunft der Anna Katharina Drechsler als Tochter des Oberbergmeisters Ehrhard Drechsler hin. Sie gab die Mittel zum Bau des Hauses. Im linken Wappen ist ein Baum mit jeweils einem Stern zu beiden Seiten des schlanken Stammes und einem großen Stern im Helm sichtbar. Auch hier liegt der Name Jakob Andreas Herstelle im Halbkreis um den Wappenschild.

Beide Schilde werden von Engeln in faltenreichen Gewändern gehalten; vielleicht sollen sie symbolisch andeuten, daß die Wappen, und damit die Familien, unter dem Schutz des Himmels stehen.

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*entnommen aus: "Die Bergfreiheit des Oberharzes" von H. Morich, erschienen in der "Heimatbeilage zu den Öffentlichen Anzeigen für den Harz in Clausthal-Zellerfeld am 13.2.1937

Veränderungen am Äußeren des Hauses

Neben der Eingangstür gibt es von Foto zu Foto immer wieder kleine Veränderungen. Hier sind noch Fensterläden an den Apothekenfenstern zu erkennen. Links vor dem Haus und rechts daneben riesige Bäume. Und vor der Apotheke natürlich noch kein moderner Parkplatz.

Zunächst wurden die Fensterläden abmontiert. Der mächtige Baum vor dem Haus wurde gefällt und wich vermutlich dem Parkplatz. Entlang der Goslarschen Straße sind kleine neue Straßenbäume gepflanzt worden. Der Straßenbaum an der Apotheke ist inzwischen so hoch wie das Hausdach. Auch den linken Schornstein hat man, weil er durch den Einbau einer Zentralheizung funktionslos wurde, mal eben abgebaut (das war vermutlich mein Großvater) und damit ungeachtet die vorher gegebene äußere Symmetrie eingebüßt.

Die Drehflügelfenster wurden erst in jüngster Zeit durch sogenannte Oberharzer Schiebefenster erneuert. Die typischen Schiebefenster im Harz waren lt. Griep erst ab dem 18. Jahrhundert eingebaut worden und können demnach nicht dem Ursprungsbau entsprechen. Dennoch dürfte es in früheren Jahrhunderten schon einmal Schiebefenster an der Apotheke gegeben haben, davon zeugen die Fenster an dem Dachgiebel, welche schon ewigen Zeiten Schiebefenster sind.

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