Bergapotheke Zellerfeld

Der Figurenschmuck der Räume

Nur durch die Fratzen, den Mörser, das Kinderbett und das mächtige Balkenwerk ist die Zellerfelder Apotheke aber noch keine "Sehenswürdigkeit, die im Harz einmalig ist." Was sie so besonders heraushebt und ihr den Wert eines geschützten Baudenkmals gibt, sind die prächtigen Decken einiger Räume. Sie besitzen als typisches Merkmal des Barock reichliches Zierwerk aus Stuck, das wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch Ausschnitte aus Fabeln und der Jagd, mythologische Szenen und biblische Geschichten zeigt.

In der Offizin

Allen Besuchern zugänglich und sichtbar sind die eindrucksvollen Stuckbilder in der Offizin.


(Neueres Bild eingefügt)
Zum Vergrößern der Karte auf das Bild klicken

Eine weit herausragende Darstellung aus der griechischen Mythologie wird von vier Rondellen, die vier Jahreszeiten, umrahmt.

Den Frühling stellt eine Frau in leichtem, wehendem Schleiergewand dar. Sie hält einen großen Blumenstrauß - es könnte ein Fliederstrauß sein - in der rechten Hand, während sie die linke in der Hüfte stützt.

Den Sommer verkörpert eine Frau, die mit ihrer rechten hand eine Sichel emporschwingt und mit der Linken eine Getreidegarbe umfaßt. Nur ein durchsichtiges Tuch bedeckt ihre Beine und den Rücken.

Auch den Herbst verkörpert eine Frau. Sie hält ein Pokal in der Rechten und einen mit Weinranken umwundenen Stab in der Linken. Sie ist völlig unbekleidet, doch füllen ihren Schoß herbstliche Blätter. Neben ihr steht ein kleines Weinfaß und ein Korb, der große reife Trauben enthält.

Den Winter veranschaulicht ein bärtiger alter Mann, der mit frierender Gebärde an einem merkwürdigen kleinen Ofen kocht, um sich den Rücken zu wärmen.

Den reich verzierten Rahmen des großen Mittelreliefs überragt tief in den Raum hinein Aktäons Sperr. Aktäon, dessen Geschichte das Bild selbst erzählt, hat noch menschliche Gestalt, doch bereits den Kopf eines Hirschens mit einem natürlichen Rehgehörn. Er hat soeben die Jagdgöttin Diana mit ihren Nymphen im Bade überrascht und wird von ihr zur Strafe in einen Hirsch verwandelt.

(Neueres Bild eingefügt)
Zum Vergrößern der Karte auf das Bild klicken

Den Moment der Verwandlung hat der Künstler festgehalten. Diana hält zum Zeichen des Zaubers den Arm hoch gegen ihn gerichtet.

Den weiteren Verlauf der Geschichte deutet ein Dackel im Hintergrund an. Aktäon wird als Hirsch von seinen eigenen Hunden zerrissen.

Anordnung der Figuren in die Stuckdecke der Offizin

Bild hinzugefügt

Aktäons Verwandlung

Vorlage nach einem Kupferstich von Crispijn de Passe d.Ä.

"Seit der Antike (Pompeji) (42), Renaissance und Barock ist diese Gruppe ein beliebter Vorwurf in der darstellenden Kunst, bildet sie doch in natürlicher Umgebung mannigfach bewegte weibliche Akte und eine Verwandlung, d.h. eine Komposition von Menschen und Tierformen. Wir finden diese Szene als Graphik und Zeichnung (5) oder Gemälde (Abb. 6) (6), in Emblemen- und Fabelsammlungen, als Kleinskulptur und als überlebensgroße Figuren, z.B. im Schloßpark zu Caserta in Italien.

Das alles zeigt über Jahrhunderte hinweg die große Beliebtheit dieses künstlerischen Vorwurfs, den auch J.A. Herstelle für die Ausschmückung seiner Offizin wählte. Als Vorlage diente ein Kupferstich von Crispijn de Passe d.Ä. (Abb. 6). Man findet ihn in einer Sammlung von Stichen zu den Metamorphosen des Ovid, die W. Salsmann 1602/1607 herausgegeben hat (40)."

(5) Graphiken und Zeichnungen von G. Pencz, I. Witewael, E. Boucher, F, Primaticcio, C. Maratti, Ch.J. Natoire, I. Rottenhammer u.a.

(6) Gemälde von L. Cranach (d.J.?), G. Cesari, A. Carraci, L. Silvestre d.J. u.a. ...

(40) Salamannus, G., P. Ovidius Nasonis. XV Metamorphoseon Librorum figuare elegantissimae a Crispiano Passaeo, Arnheim 1607

(42) Schefold, K. Pompejanische Malerei. Basel 1952

Aus: Dr. Wilhelm Völksen, " Beiträge zur Geschichte der Pharmazie", 36. Jahrgang 1984, Band 31, Nr. 23, Seite 15/199 u. 16/200

 

Dank-Salut an eine alte Offizin

von Heinz Scriba, 30. Oktober 1986, an den Apotheker H. Ruttewit

Dank sei Aktäon und den Damen,

Sie hängen in würdigem Rahmen

An Eurer Decke da oben

Und ich muv sie wirklich loben:

Noch immer stehen sie

Zur alten und zur neuen Pharmazie,

Noch sind sie allen hold.

Mir z.B., sandten sie flirrendes Gold

In reich verziertem Flacon

und milder Etanol-Suspension.

Sie ließen vom Ruttewitchen grüßen

Und von der stets fleißigen süßen

Edertkrauseknop,

ein dreifach menschliches Wesen,

das gottlob

auch mal als Berggeist tätig gewesen:

Es kennt die alten Gewölbe genau-

Sogut wie jetzt die neue EDV.

Und alles was so praktisch umgebaut,

Dabei Aktäon und Diana nichts geklaut.

Beide bleiben Euch bestimmt gewogen,

Ihre Badewanne wurde ihnen nicht entzogen,

Ihre Augen schauen weiter auf das Her und Hin

in der schönen alten Offizin.

Über Euch halten sie schützend die Hände

Auch nach der Jahrtausendwende!

Glückauf!

--> weiter zum nächsten Kapitel

at