Bergapotheke Zellerfeld

Das Innere des Hauses

Wenn man das Apothekenhaus betritt, so steht man überraschenderweise nicht in der Offizin, sondern in einem geräumigen Hausflur.

Der Blick fällt auf eine lange, breite Treppe zum ersten Stockwerk und auf eine kleine Treppe mit geschwungenem Geländer und leicht gebogenen Stufen, bevor er den Verkaufsraum der Apotheke erreicht.

Dort ist ein Schalter in die Wand gebaut, eine Art großes Fenster, durch das der Apotheker aus der dahinterliegenden Offizin seine Medikamente reicht.

Drei hohe, breite Stufen führen zu ihm hin, doch liegt der Verkaufsraum noch etwas höher als dieser kleine Aufgang.

(Bild hinzugefügt)

Auf der rechten Seite des Flures liegt die kleine geschwungene Treppe. Sie führt zu einem der Wohnräume. Neben ihr steht in einer Nische über der Kellertür ein merkwürdiges Möbelstück. Es ist ein Kinderbett aus dem 17. Jahrhundert, an dem ein altes Schloß besonders interessant ist.

Natürlich hat die unbehagliche Schlafstatt nicht immer in der Nische gestanden, in der sie jetzt als Sehenswürdigkeit viel Erstaunen hervorruft.

In eine Ecke der Treppe hat man einen sehr alten, eisernen Mörser gesetzt, ein Exemplar, das heute nur noch selten zu sehen ist.

Man vermutet, daß er den großen Brand in Zellerfeld im Jahre 1672 überstanden hat. Er könnte also älter als das Haus sein und wird gelegentlich sogar noch heute benutzt. Es erfordert alle Kraft, das schwere Pistill zu heben, und wenn man es zurückfallen läßt erbebt förmlich das ganze Haus.

Die Offizin ist merkwürdigerweise nicht unterkellert sondern ruht auf fünfzig Zentimeter hohen Böcken. Unter ihrem Nebenraum liegt dagegen ein kleiner Arzneikeller, zu dem man von der Offizin aus eine Falltür öffnen muß, um auf unregelmäßigen, gefährlichen Stufen herabzusteigen. Von ihm zweigt ein unterirdischer Gang in ein großes Gewölbe unter den Wohnräumen ab.

"Der bedeutendste Unterschied zwischen einem Patrizierhaus und dem der übrigen Bevölkerungsteile war die hohe, einen großen Teil des Bauvolumens einnehmende Dehle. ... Die Unterkellerung befindet sich niemals unter der Dehle, sondern stets unter dem Wohnteil. Hierbei mag der Gedanke an die in den Harzrandstädten übliche Befahrbarkeit der Dehle mit Pferd und Wagen sowie der hier stattfindende Warenumschlag eine Rolle gespielt haben. Eine derartige Belastung der Kellerdecke wollte man vermeiden. Die Keller bestehen meist aus mehreren überwölbten Räumen, die durch den Kellerhals aus der Dehle rechtwinklig nach unten zugänglich sind. Als Verschluß diente eine diebessichere Eisentür; die Fenster waren mit Gittern, gelegentlich auch mit Eisenklappen gesichert. ...

Die Entwicklung dieses Haustyps ist eine allmähliche Aufgabe der charakteristischen Eigenschaften. Das Haus Bornhardtstraße 20 in Zellerfeld zeigt noch die Aufteilung, die am stärksten der eines Patrizierhauses in den Harzrandstädten entspricht. Diesem Gebäude gegenüber steht das Haus Bergstr. 31 von 1673. Hier ist die Mitteldehle auf die Breite von etwa 4 Gefachen geschrumpft. ...

Die annähernd gleichzeitig (1674) erbaute Fratzenapotheke in Zellerfeld besitzt keine richtige Dehle mehr. Der Verkehrsraum, der von drei Gefachen Breite vorn auf 2 Gefache hinten verringert ist, wird durch die Treppenanlagen eingeengt. Der Wohnraum rechts und die Apothekenräume links stehen auf unterschiedlich hohen Kellersockeln, die von Vorgängerbauten übernommen worden sind. Dadurch besitzt die Dehle noch eine respektable Höhe. Im Wohnraum ist die Zweiraumtiefe eingeführt und die Raumeinteilung des Bergmannhauses übernommen worden. Der Stube (Allegorienzimmer) zur Straße entsprechen Hinterstube und Küche zum Hof. Um eine ausreichende Breite zu bekommen, hat man die Dehle über dem Kellerraum eingeschnürt. "

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", S.86,87

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Die Stube bzw. das Wohnzimmer wird von Griep als "Allegorienzimmer" benannt, weil der Deckenstuck Allegorien abbildet. Dr. Völksen bezeichnet dieses Zimmer nach seiner Funktion. Er nennt es das "Honorarzimer":

"Er ist nicht als Betriebsraum der Apotheke anzusehen, zumal die sog. Materielkammer mit ihren Drogen- und Chemikalienvorräten sich im allerobersten Stockwerk des Hauses befand, sondern es handelt sich hier um das originell im Zeitgeschmack ausgeschmückte sog. Honoratiorenzimmer, ein Treffpunkt der Bürger, Berg- und Verwaltungsbeamter (10).

Hier wurde ausgeschenkt. ... "Hier tauschten die Bürger im unauffälligen Nebenstübchen der Apotheke Neuigkeiten aus, berieten über die Ereignisse des Tages, sannen auf Abhilfe und schwangen den Becher mit dem Sorgenbrecher"(43)."

(10) In diesem Zusammenhang sei auf das neben der Tür stehende "Kinderbett als Schrankeinbau" (Griep) hingewiesen. Wir halten es für den Aufbewahrungsort der gästeeigenen Trinkgefäße. Welche Mutter würde schon ihr kleines Kind in einem großen Flur allein und ohne Aufsicht in einen Wandschrank schlafenlegen, der auf einem fast brusthoch gemauerten Sockel steht!

(43) Schelenz, H., Geschichte der Pharmazie. Berlin 1904

Aus: Beiträge zur Geschichte der Pharmazie, "Die Stuckbilder der berg-Apotheke in Clausthal-Zellerfeld, von Wilhelm Völksen, 36. Jahrgang 1984, Nr. 23, Seite17/20

Zwei Treppen, die eine breit und bequem, die andere steil, schmal und durch ihr unvermutetes Vorhandensein mitten in einem Zimmer recht gefährlich, führen in das erste Stockwerk. Dort liegen an der Front des Hauses drei große und an beiden Seiten insgesamt drei kleinere Wohnzimmer und eine Küche. Alle Räume sind mit Türen untereinander verbunden und haben mit Ausnahme der beiden Eckzimmer außerdem noch einen Zugang zum Flur.

"Das Obergeschoß ist voll zu Wohnzwecken ausgebaut. Der "Saal" nahm bis zu seiner Abteilung vom Treppenhaus durch eine Bretterwand die ganze Fläche der oberen Dehle ein. Jüngere Anbauten sind die Porlam und Betriebsräume. "

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", S.87

Das "Porlam" ist ein Zugang vom ersten Obergeschoss zu einem am Erdgeschoss angebauten Toilettenhäuschen, welches sich vermutlich hinten rechts am Haus befand. Beim Apothekenhaus ist vor langer Zeit der Porlam mit dem Abbau des Toilettenhäuschens ebenfalls verschwunden.

Etwa um die Jahrhundertwende wurde hinten links das Labor mit einer darüber befindlichen (von meinen Großeltern nicht genutzten) Küche angebaut sowie eine weitere Treppe, die in das erste Dachgeschoss führt.

Mit dem "Saal" ist hier das "Kaminzimmer" gemeint.

"Obwohl in den schriftlichen Quellen gelegentlich auch farblose Ausdrücke wie "Wohnzimmer" auftreten, heißt der aus der oberen Diele abgetrennte und repräsentativ ausgestattete Raum unabhängig von seiner Größe in allen Bergstätten "Saal", bzw, Sol, Seul, Säul oder Sahl."

Aus: Hans-Günther Griep, "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", S. 5

Auch zum Obergeschoss geht eine verborgene Treppe, die direkt in einer Dachkammer endet, und eine größere aber sehr steile und ausgetretene Treppe, die in einem breiten Vorplatz mündet. Hier liegen neben einigen kleinen Stuben das Nachtdienstzimmer und vor allem die Wattekammer, die Materialkammer und die Stoßkammer. Eine Stoßkammer brauchte man früher, um Pflanzen zu stoßen, zu reiben und zu schneiden; jetzt werden dort nur noch einige alte Schneidegeräte aufbewahrt.

Die Materialkammer ist ganz und gar mit alten Regalen und Tischen eingerichtet. Dort bewahrt man Vorräte, Drogen und Chemikalien auf.

Auffallend breite Balken ragen tief in den Raum, doch werden die von dem mächtigen Balkenwerk in der Stoßkammer bei weitem übertroffen. Dieser kleine Raum zeigt die gewaltige Konstruktion des hohen Daches.

Steigt man nun auf einer ausgetretenen Eichentreppe auf den ersten der zwei großen Hausböden, so sieht man, daß Stämme von der ganzen Länge der Frontseite in dem vielgliedrigen Dachwerk verwendet wurden.

Das Balkenwerk der Stoßkammer

Besucher finden es oft erstaunlich, wie weit die Wege vom Keller bis zum Dachgeschoss oder von der Offizin zur Materialkammer sind, und sie verwirren sich nicht selten auf einem dieser Wege. Obwohl die Räume symmetrisch angeordnet sind, verwirren sie die kleinen Zwischenflure und die Vielfalt der Zu- und Aufgänge, welche sich zum Teil mit Falltüren völlig verbergen lassen.

* Bergstraße 31 - das "Dietzelhaus"

Nicht weit entfernt von der Zellerfelder Apotheke steht das sogenannte Dietzelhaus. Es hat zwei Stuckdecken und steht kunst- sowie bauhistorisch in einem besonderen verwandtschaftlichen Verhältnis zur Bergapotheke:

"Für die beiden Häuser in Zellerfeld sind die persöhnlichen Beziehungen der Bauherren wichtig. Sie dürften die Ausstattung der Stuckdecken durch den gleichen Meister beeinflußt haben. Der Bergmeister Daniel Flach als Ehemann der Anna Magdalena baute 1673 das heute Ditzelhaus genannte Wohnhaus Bergstraße 31. 1674 folgte ihm der Apotheker Jacob Andreas Herstelle, der am 31.10.1772 Anna Katharina geheiratet hatte, mit dem Bau der Fratzenapotheke Bornhardtstraße 12. Beide Bauherren waren verschwägert und werden einen erheblichen Teil der Mitgift ihrer Frauen für die aufwendigen und repräsentativen Neubauten verwendet haben."

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", S. 213

Die Schwestern Anna Magdalena Drechsler und Anna Katharina Drechsler sind die Töchter vom damaligen Oberbürgermeister Erhard Drechsler gewesen. In einem von meinem Großvater geschrieben Vortrag, nennt er Daniel Flach als Erbauer des Apothekenhauses. Jakob Andreas Herstelle hatte zuvor das Privileg gekauft und sich verpflichtet dafür ein Apothekenhaus zu errichten. Da Daniel Flach Oberbergmeister und auch Markscheider war, wurde er mit dem Bau des Apothekenhauses für den Bauherrn, seinem Schwager Jakob Andreas Herstelle, beauftragt. Beide Häuser weisen deshalb sehr viele Gemeinsamkeiten auf.

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