Bergapotheke Zellerfeld

Nach einem ganz besonderen Plan ausgeschmückt

Wie aus der Beschreibung der Räume hervorgeht, wurde das Apothekenhaus offensichtlich nach einem ganz besonderen Plan ausgeschmückt. Jakob Andreas Herstelle, der Erbauer des Hauses, war wohl ein naturliebender Jagdfreund und wollte vielleicht die Gehörne und Geweihe des selbst erlegten Wildes auf besonders originelle Weise als Zierrat angebracht sehen. Daher finden wir in vielen Jagd- und Tierszenen natürliche Geweihe. Seinem religiösen Gefühl entsprach es wohl, einen Raum mit Darstellungen aus dem Leben Christi als eine Art Hauskapelle zu besitzen.

Die Gestaltung der menschlichen Körper ist den Meistern nicht immer in einer Weise gelungen, die uns heute ästhetisch befriedigt. Die nackten oder meist wenig bekleideten Frauengestalten zeigen schon die auffallende Fülle der barocken Formen. Sie erscheinen uns oft plump, derb und ein wenig naiv. (Im Laufe der dreihundert Jahre hat natürlich auch häufige Übertünchung die Konturen vergröbert.) Die Figuren vermögen kaum, Empfindungen in ihren Gesichtszügen auszudrücken. Die Mimik, die das Antlitz eines Menschen beseelt, fehlt ihnen. Daher beschränkt sich die Darstellung eines Gefühls, einer Reaktion, auf die "Beredsamkeit des Körpers", also auf eine Geste, eine Gebärde, eine typische Haltung oder auch auf die Handlung selbst. Als Beispiel eignet sich "Die Auferstehung Christi von den Toten" in einem der oberen Zimmer.

Jesu Haltung, die verlorene Bewegung seiner halb erhobenen Hand und die leichte Neigung des Kopfes gen Himmel bringen seine Gedanken zum Ausdruck, als sagt er soeben: "Hier stehe ich, der auferstandene Sohn Gottes, als eine Bestätigung der Allmacht Gottes, die ich euch gepredigt habe." Jesu Antlitz dagegen zeigt einen unbestimmten, beinahe teilnahmslosen Ausdruck. Die Erschrockenheit des Wächters am Grab Christi schildert mit aller Lebendigkeit seine entsetzte Gebärde, während die Gesichtszüge verschlossen und unbeweglich bleiben.

Die Proportionen der Gestalten erscheinen uns oft nicht wahrheitsgetreu und ihre Bewegungen unnatürlich verzerrt, übertrieben. Es ist möglich, daß Proportionen absichtlich verkürzt wurden, damit sich aus der Perspektive des Betrachters normale Größenverhältnisse ergeben. Zum Teil wird auch technisches oder künstlerisches Unvermögen dafür verantwortlich seien, denn nicht Künstler, sondern fahrende Kunsthandwerker formten die Stuckbilder.

"Eine besondere Schwierigkeit in der stilistischen Beurteilung der figürlichen Stukkaturen besteht darin, daß die Meister sonst Kirchen und Schlösser ausgestaltet haben. Dort standen ihnen hohe große Räume zur verfügung; hier waren es schlichte Wohnhäuser mit niedrigen kleinen Stuben. Manche überzogene Plastik und Verzerrung der Perspektive in den Bildern mag darauf zurückzuführen sein, daß die Meister mit ungewohnten Proportionen fertig werden mußten. Fast alle figürlichen Stuckarbeiten sind in die Felder von Balkendecken eingefügt worden. ...

Stets war das Stuckbild mit einem Rahmen versehen und füllte die Breite des Balkenfeldes aus. Da dieses Feld länger war, als das Bildmotiv, wurden an dessen Ende Schnörkel angebracht; in einigen Fällen sind die Schmalseiten der Bilderrahmen entsprechend ausgeweitet worden. Dort, wo die Deckenkonstruktion sich überkreuzt, hat man die sich daraus ergebende Kassettenform ausgenutzt. Das gilt insbesondere für das "Fabelzimmer" in der Zellerfelder Apotheke. In den tief liegenden Feldern finden sich Mittelmotive: Fruchtbüschel, Rosetten, Puttenköpfe auf einem Grund aus Flügeln oder sogar kleine Bilder (z.B. Dietzelhaus in Zellerfeld). ...

Während bei Decken sonst die Funktion des Raumanschlusses erhalten blieb und die Stukkaturen sich der Fläche anpaßten, sind die Decken "Allegorienzimmer", im "Fabelzimmer" und im "Bibelzimmer" der Bergapotheke in Zellerfeld Ausnahmen. Hier wurde die Decke Träger von Kräften, die weit in den Raum hineinwirkten. Die Figuren ragen freiplastisch aus der Fläche heraus. Die dabei verwendeten echten Geweihe und Gebrauchsgegenstände verstärken diesen Charakter noch. In den Wohnzimmern entstehen bei seitlicher Betrachtung oft merkwürdige Perspektiven. Sie enthalten eine plastische Wirkung, die sich in den niedrigen Zimmern gar nicht auswirken kann. Für diese Stukkaturen lassen sich Vorbilder in den thüringischen Landen nachweisen. ...

Soweit es sich bei der Einfügung echter Gegenstände um Schalen, Kelche, Lampen und dergl. handelt, ist das für barocke Stukkaturen nicht ungewöhnlich Der Gebrauch von Rehhörnern, Hirschgeweihen sowie von allerlei anderen Tiergehörn ist jedoch außerhalb das Harzes nur selten zu beobachten. Nicht nur die technische Geschicklichkeit des Stukkateurs ist zu bewundern, sondern auch die Übernahme dieser Naturformen in das Bild. Allerdings liebte es die Zeit das ausgehenden 17. Jahrhunderts, derartige Stücke zur Schau zu stellen."

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte",

S. 210 - 211

Nur ein Meister ist uns namentlich bekannt: Jan Hansche, der aus Amsterdam stammen und die Bilder 1677 gefertigt haben soll. In dem Zimmer, das ich zuletzt beschrieben habe, finden wir auf der Abbildung vom Lastträger, der den Tod herbeiruft das Datum ANNO 1682 und die Initialen HS. Das gleiche Monogramm ist in eine Ecke des Bildes vom heiligen Abendmahl gesetzt, wahrscheinlich die Abkürzung des Namen Hansche oder die Anfangsbuchstaben eines anderen Meisters.

In dem Relief der Superbia vermutet man ein Signum mit einer Jahreszahl. Dort liegt über dem undeutlichen Namen SVPEROA eine kleine schriftenähnliche Erhebung, die man jedoch längst nicht mehr entziffern kann.

Das nicht weit entfernte "Dietzelhaus" in Zellerfeld, dessen Bauherr Daniel Flach war, hat ebenfalls zwei Stuckdecken. Diese wurden vermutlich von den gleichen Meistern gefertigt, die etwa ein Jahr später auch in der Apotheke die Stuckdecken formten.

"Daniel Flach hatte auch den Anfang gemacht mit dem figürlichen Schmuck der Innenräume durch die Ausstattung mit Stuckdecken. Die Stuckrosette im Saal zeigt die Jahreszahl 1674. Jacob Andreas Herstelle, der damals schon die Apotheke in Clausthal besaß, folgte ihm im Wettbewerb um die reiche Ausstattung im gleichen Jahr mit dem Einbau der prächtigen steinernen Kamine im Saal und im Jahr 1677 mit der Stuckdecke im "Allergorienzimmer". Dann hat offenbar eine Unterbrechung stattgefunden, denn die Decke im "Fabelzimmer" der Apotheke trägt die Jahreszahl 1682 und die Decke im "Bibelzimmer" ist wie diese mit dem Monogramm S.H. oder H.Z., signiert. Damals lebte in Clausthal-Zellerfeld auch der Niederländer Petrus Hartzig (gest. 1680) als Zehntner40. Er könnte der Vermittler von Stuckvorlagen gewesen sein, die der Stukkateur mindestens für die Vogeldarstellungen, das Aktäonbild und einige Fabelbilder in der Apotheke benutzt hat. Es ist auch erwogen worden, das Monogramm als Jan Hansche aufzulösen, der, aus Amsterdam kommend, in Westdeutschland als Stukkateur gearbeitet hat. Denkbar erscheint uns, das Monogramm in H.Z. = Zilch oder Zillich aufzulösen, der in der gleichen Zeit im Schloß Blankenburg (Ostharz) als Stukkateur tätig war41."

40 Lit. 228.

41 Lit. 2, 236. Die bescheidenen Stukkaturen im Oberbergamt in Clausthal sind sind von Kalkschneider-Mstr. Georg Christoph Frankenstein aus Goslar gefertigt worden = A213 Nr. 2.

Literaturverzeichnis

2 AMBERIO, Ros. Tardito: Italienische Architekten, Stukkatoren und Bauhandwerker der Barockzeit in den welfischen Ländern und im Bistum Hildesheim. In: Nachr. d. Akad. d. Wissensch. in Göttingen. I: Phil.-Hist. Kl. 1968, Nr. 6

228 SCHWARZ, P.: Die Stuckbilder im Harzgebiet. In: Haru-Ztschr. 51 (1918), S. 1-22

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", S. 213

Die Gestaltung der Stuckbilder ist zwar im Großen und Ganzen gesehen gleich, doch bestehen einige feine Unterschiede in der Formgebung zwischen einzelnen Zimmern. Sie lassen erkennen, daß mehrere Kunsthandwerker die Abbildungen gearbeitet haben. Am deutlichsten wird dieser Unterschied in dem Raum, der von zwei verschiedenen Kunsthandwerkern mit der biblischen Geschichte verziert wurde. Die untere Reihe formte ein Meister sehr lebendig und naturgetreu.

Er füllte sein Bild möglichst ganz aus, umriß seine Gestalten hart und intensiv, ließ ihre Gewänder geschickt in schweren Falten fallen und zog die Figuren und Gegenstände auffallend weit aus der Grundfläche heraus. Die obere Reihe verfertigte der andere Meister in anderer Art. Seine Menschen sind zwar auch plastisch und in den Raum ragend dargestellt, doch fehlt ihnen ein wenig Lebendigkeit und Ausdruckskraft.

Er führte die Linien seiner Gebilde weicher und verschwommener durch und drängte nicht zu viele Leute auf ein Bild. Seine Gestaltung ist ruhiger und Paßt zu seinem Thema, der Leidensgeschichte Jesu.

Vor einiger Zeit hat man herausgefunden, daß die Meister ihre "Werke" nach Vorlagen schufen. Einem Professor ist es gelungen, für "Aktäons Verwandlung" in der Offizin einen Stich von Crispian de Passe aus Utrecht und für einige Vogelbilder Stiche von Nikolaus Visscher aus Amsterdam nachzuweisen. Diese Stiche trugen lateinische Inschriften, die der Meister ebenfalls zu seinen Vögeln setzte. Er war jedoch des Lateins unkundig und da er die Worte nicht verstand, las er sie falsch und übertrug die Fehler auf seine Arbeit. So finden wir

AVISUTICA anstelle von

AVIS INDICA (Indischer Vogel) und

RARE AVESAO VATICA anstelle von

RARAE AVES AQUATICAE (seltene Wasservögel).

Nach der Meinung eines Architekten fertigten die Kunsthandwerker ihre Bilder ohne größere Vorbereitung. Sobald sie die vom Hausherrn gewünschte Vorlage bekommen hatten, stiegen sie auf eine Leiter und warfen den Stuck gegen die Decke. Dort formten sie dann die Gestalten und Gegenstände in mühsamer Haltung. Für hervorspringende Gliedmaßen, Schwerter, Stangen usw. verwendeten sie stabile und doch biegsame Bleistreifen, um der Stuckatur den nötigen Halt zu geben. Ein Stuckateur vertrat die Ansicht, daß ein Teil der Arbeiten am Boden gefertigt und erst dann in die Decke eingefügt sei. Den Stuck selbst mischten die Meister vermutlich aus Gips, Weißkalk, Leimwasser und Kuhhaaren.

"Die Anordnung der Obrigkeit, die Feuergefahr in den Holzhäusern zu verringern, betrafen nicht nur die Feuerstätten, sondern auch die Herrichtung der Innenräume. In häufiger Wiederholung wurde verlangt, anstelle der üblichen Verkleidung der Wände und Decken mit Hobeldielen einen Kalküberzug aufzutragen. ... Man verlangte nur einen Kalkanstrich26. Selbst dieser bescheidene Schutz ist selten ausgeführt worden. Allerdings kamen die Mode und das Repräsentationsbedürfnis der "hübschen Familien" diesen Forderungen seit der Berockzeit entgegen. Wer es sich leisten konnte, ließ Decken in seinem Haus mit einem Stuckgipsüberzug versehen. ...

Eine einfache Verzierung der glatten Flächen konnte man durch die Anbringung (zumeist Nagelung) von Zierleisten erreichen. ...

Die Stuckleisten konnten in großer Serie gefertigt werden und hatten dann gleiche Profilfolgen in verschiedenen Bauten. An der Decke fügte man sie wie Bilderrahmen zusammen. Sie betonten die vorhandene, aus der Fachwerkkonstruktion entstandene Gliederung der Decken. Nur Übergänge, Rundungen und dergl. mußten freihändig, aber zumeist auch mit Hilfe der Schablone gesogen werden. Selbst die figürlichen Motive sind manchmal in Formen gegossen und nachträglich an Decken befestigt worden. Das galt besondern für Knäufe (Samenzapfenblüten) und die kleinen Bildmotive. Sie wurden auf den Unterzügen angebracht, häufig der Ansatz, weitere figürliche oder ornamentale Verzierungen in die Deckenfelder einzufügen. Die größeren Bildflächen konnte man nur teilweise vorfertigen. Die schwere Arbeit musste weitgehend unter der Decke, mit dem Rücken auf dem Gerüst liegend, ausgeführt werden."

26 Vergleiche oben Teil II 2eE.

Aus: Hans-Günther Griep in "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte",

S. 209 - 210

Wie aus den Untersuchungen und Überlegungen in den einzelnen Abschnitten dieser Zusammenstellung hervorgeht, bleiben über die künstlerischen Eigenarten des Hauses und des Figurenschmuckes viele Fragen offen. Es wird immer schwer sein, aus rückschauender Betrachtung eine Deutung der Symbole, Bilder und Gleichnisse in dem Sinn zu finden, den der Bauherr und die Ausführenden damals zum Ausdruck bringen wollten. Um sich der Wahrheit zu nähern, müßte man nicht nur alle technischen und architektonischen Gegebenheiten des Hauses erfassen, sondern sich vor allem in die künstlerische Auffassung des Barock vertiefen, was ein langes Studium nicht nur der barocken bildenden Kunst sondern seiner gesamten Ausdrucksformen, Musik, Literatur, Malerei verlangte.

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Als Quellen wurden benutzt:

1. Prof. Dr. Paul Schwarz: "Forschungen über die Stuckbilder im Harzgebiet". Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde 1918, 51. Band

2. Rektor H. Morich: "Die Bergapotheke Zellerfeld" Zeitschrift "Unser Harz" Nr. 11/1956

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