Bergapotheke Zellerfeld

Der schönste Raum des Hauses

Neben dem Kaminzimmer liegt der schönste Raum des Hauses. Seine Wände sind zu einem drittel mit stark profiliertem Eichenholz getäfelt, das zusammen mit schweren, dunklen Türen dem Raum Wärme und Behaglichkeit verleiht. (Die gleichen Türen finden wir auch in einem oberen und dem unteren Wohnzimmer. Sie hängen in kunstvoll gearbeiteten Messingangeln und besitzen zum Teil noch alte Messingschloßkästen mit drehbaren Knäufen.)

Zwischen das dichte Balkenwerk der Decke haben die Meister besonders originelle Stuckbilder gesetzt, die in anscheinend wahllosem Kunterbunt Szenen aus Fabeln und Märchen, aus der Bibel, dem Tierreich und der Jagd vor unseren Augen lebendig werden lassen.

Die erste Bildreihe beginnt mit einem Tierrelief. Ein großer Hund verfolgt einen Hasen. In seiner Todessangst springt der Hase durch eine Zaunlücke ins Gehege, um seinem nahen Verfolger zu entwischen.

Der Hund verharrt vor dem Gatter - seine Gestalt erlaubt ihm nicht, ebenfalls durch den schmalen Spalt zu schlüpfen und dem Hasen weiter nachzustellen. So ist er, obwohl an Kräften überlegen, der "Angeführte".

Das danebenliegende Bild erzählt uns die Äsopische Fabel von der Sonne und dem Nordwind.

Sonne und Wind streiten sich, wer den vorbeigehenden Wanderer zuerst dazu bewegen kann, seinen Mantel auszuziehen. Der Nordwind beginnt, einen heftigen Sturm heraufzubeschwören, doch der Wanderer hüllt sich nur noch enger in seine Kleider. Erst als die Sonne auf ihn herniederstrahlt und ihn mit Wärme einfängt, legt er seinen Mantel frohgemut ab. Milde erreichte im Handumdrehen, was Gewalt nicht erzwingen konnte.

Auch die nächste Abbildung berichtet von einer Äsopischen Fabel. Ein Lastträger, der seiner schweren Bürde überflüssig geworden ist, ruft verbittert den Tod herbei.

Als dieser jedoch in Gestalt eines schrecklichen Gerippes wahrhaftig erscheint und schon die knochigen Finger nach seinem blühenden Leben ausstreckt, fleht er das Skelett an, ihn am Leben zu lassen. Lieber möchte er seine drückende Last wieder auf sich nehmen, als zu sterben.

Ein anderes Relief stellt uns einen Esel vor, der "die köstlichsten Dinge", Würste, Wein, Geflügel und ein Wildbrot auf dem Rücken trägt, und sich doch bescheiden an einer kargen Diestel labt.

Die erste Bildreihe endet mit folgender Fabel: Ein Hund hat sich ein Stückchen Wurst gestohlen und läuft stolz damit über einen schmalen Steg. Im Wasser unter sich entdeckt er einen ebenfalls leckeren Bissen, als er schon in der Schnauze trägt. In der Hoffnung noch mehr erwerben zu können, schnappt er in das zerfließende Spiegelbild und besitzt nun weder seinen, noch den vorgetäuschten Happen. (Eine Photographie hiervon ist nicht vorhanden.)

Unter dieser Darstellung liegt eine Abbildung der Äsopischen Fabel vom "Fuchs und den Trauben".

Um sie mit La Fontaine zu erzählen:

Ein Fuchs, Gascogner, andere sagen aus der Normandie,

er starb vor Hunger fast das arme Vieh,

sah am Geländer Verlangen

hellrote reife Trauben hangen

Gern hätte er davon genascht.

Doch hingen sie zu hoch. Er sprach wie überrascht:

Das Zeug ist viel zu grün und räß für unsereinen!

Tat er nicht gut daran, zu spotten statt zu weinen?

Eine andere Äsopische Fabel zeigt uns das nächste Relief: Ein Heide zertrümmert voll Zorn das Standbild seines Gottes, weil er ihn in der Not vergebens angerufen hat. Ein Münzenschatz, der in dem Körper des Götzenbildes verborgen war, kommt dabei zum Vorschein. So wurde ihm trotz der Gottesschändung noch Hilfe zu Teil.

Vielleicht bezieht sich die Darstellung aber auch auf die Sage vom Götzen Crodo, den Karl der Große gestürzt haben soll.

Auf dem danebenliegenden Bild treibt ein Drachen sein Unwesen in einer Schmiede. Er hockt in so merkwürdiger Haltung an einem Amboß als sei er im Begriff, aus dem geöffneten Rachen Feuer zu speien.

Auf dem Boden der Werkstatt liegen verschiedene Schmiedegeräte verstreut. Im Hintergrund sehen wir den Schmiedeherd und den großen Blasebalg. Zwei ferne Becksteinhäuser beschließen das seltsame Bild. Wahrscheinlich soll es die Sage der Drachenschmiede andeuten.

Das nächste Relief zeigt ebenfalls einen Drachen oder Lindwurm im Kampf mit einem Elefanten.

Das Ungeheuer hält Bein und Rüssel des Dickhäuters fest umschlungen und öffnet wie triumphierend den gräßlichen Schlund. Ein zweiter Elefant im Hintergrund läßt sich durch den Kampf nicht stören, sondern grast an seiner Stelle ruhig weiter.

"Er besitzt pharmazeutischen Einschlag, und zwar geht es hier um die Gewinnung von Drachenblut (Sanguis Draconis), wie sie sich Plinius d.Ä. in seiner "Naturgeschichte" vorstellte. Siehe auch v. Lippmann (28): Ein Drache überfällt einen Elefanten, saugt ihm das Blut aus und wird von dem tot niederfallenden Elefanten erdrückt. Dadurch wird das Blut aus dem Drachen herausgepreßt, das getrocknet als Heilmittel und Malerfarbe sehr geschätzt wurde. Soweit Plinius (11)."

(11) Nach den Angaben aus alten Arzneibüchern (35) stamte das heute längst obsolete Drachenblut vorwiegend von der Rotang-Palme Calmus Draco W. Vor mir liegt eine alte Originalpackung Sanguis Draconis, etwa 45 cm lang, 1-2 cm dick, eingewickelt in Palmenblätter und umschnürt mit Rotangfasern. Inhalt: eine dunkelrote, bröckelige Masse.

(28) v. Lippmann, E.C., Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften, S. 288. Leipzig 1906.

(35) Pharmacopoea Hannoverana. 1819.

Auszug aus dem Artikel von Dr. Wilhelm Völksen in " Beiträge zur Geschichte der Pharmazie", 36. Jahrgang 1984, Band 31, Nr. 23, Seite 18/202

(Zitat hinzugefügt)

Mit einer Gruppe ausländischer und einheimischer Tiere endet diese Reihe.

Um einen kauernden Affen scharen sich ein Büffel, ein kamelähnliches Tier, eine Ziege, ein Esel und ein Hund, der merkwürdigerweise ein Halsband trägt. Sogar ein Löwe schleicht aus dem Hintergrund vorbei.

Die dritte Bildfolge führt uns in die aufregende Szene eines Frauenräubers.

Ein bärtiger Centaur umschlingt mit beiden Armen eine sich sträubende Frauengestalt, vielleicht Diane, die Göttin der Jagd, während er in großen Sätzen davon galoppiert. Diane ist völlig unbekleidet; sie wurde offensichtlich beim Bad in einem Fluß geraubt. Verzweifelt, oder als Zeichenspäterer Rache streckt sie Pfeile und Bogen gegen den Himmel. Am fernen Ufer ringen ihre Nymphen die Hände und blicken jammernd dem Enteilenden nach. Eine Stadtmauer, die von einigen Häusern überragt wird, weist auf die Abgeschiedenheit der Badestelle hin.

Die nächste Reihe beginnt mit einer "Wasserszene". Auf den angedeuteten Fluten eines Sees schwimmt, sich in einem Spiegel betrachtend, eine Seejungfrau. Erschrocken flieht ein Mann, der sich am Strand aufgehalten hatte, vor ihrer geheimnisvollen Erscheinung.

Darauf stellt sich uns ein Jäger in friedlicher Eintracht mit einem zahmen Hirsch vor. Auch dieser Hirsch trägt ein natürliches Geweih. (Von beiden Bildern sind keine Photographien vorhanden.)

Die folgende Darstellung läßt uns ein merkwürdiges Bild erblicken. Vor der Kulisse einer stark befestigten, mittelalterlichen Stadt steht eine kräftige Frauengestalt in antikem, weich fallendem Faltengewand. Ihre Tunika und das lange Haupthaar flattern heftig im Wind. An einem langen Seil hält sie ein katzenartiges Tier, vielleicht ein Leopart, vielleicht auch nur eine Wildkatze, das sich widerspenstig vor seiner Herrin duckt.

Gierig ist sein Maul geöffnet, anscheinend um den Strick zu verschlingen. Die Geste der Frauengestalt läßt uns sogar vermuten, daß sie dem Tier das Seil aus dem Halse zieht, doch ist dieser Eindruck wahrscheinlich nur einer kleinen Ungeschicklichkeit des Meisters zuzuschreiben.

Die Reihe endet mit einem Relief, das man fast als Stimmungsbild aus dem Harzer Leben bezeichnen kann. Es dämmert bereits, als ein Harzer Bergmann seinen Ochsen aus dem Wald nach hause führt.

Willig trottet das Tier auf dem gewohnten Pfad seinem Herren nach, der sich einmal umwendet, wohlgefällig seinen prächtigen Ochsen betrachtet und zufrieden weiterzieht.

Wahrscheinlich zeigt auch das darunterliegende Bild eine typische szene aus dem Harz. In dichtem Laubwald schwingt ein Holzfäller seine Axt zum Schlag gegen einen abgehauenen Stamm.

Seine Gebärde wirkt beinahe mühelos, doch Haltung und Antlitz spiegeln die Anstrengung der Arbeit. Um in der Bewegung nicht gehindert zu sein, hat er zuvor seine Jacke ausgezogen und sorgfältig auf den Waldboden gebreitet.

Im übertragenen Sinn gedeutet, könnte dieser Holzfäller auch das Gleichnis Johannes des Täufers darstellen: "Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen." (Matthäus 3, Vers 10)

Auf der nächsten Abbildung begegnen wir einem kühnen Reiter, vielleicht ein Kalmück, ein Ungar, ein Türke.

Er trägt ungewöhnlichen federartigen Kopfputz, einen Köcher und Bogen und ein rundes, trommelähnliches Gefäß um den schlanken Leib. Verwegen streckt er die Linke dem Himmel entgegen, obwohl sich sein Pferd hoch aufbäumt, als es rücklings von einem Wolf oder Hund angefallen wird. Die Hinterhufen des Pferdes begleiten zwei merkwürdige Rollen, die dem Gefäß des Reiters und dem Gegenstand in seiner erhobenen Hand ähneln. Sicher besteht ein Zusammenhang zwischen ihnen, den ich jedoch nicht zu deuten weiß. Manche Leute behaupten scherzend, nicht ein Reiter, sondern das "Glück auf Rädern" sprenge den Berg hinan.

In dem folgenden Balkenrechteck ist ein Einhorn abgebildet, das Symbol der wilden Kraft, der Keuschheit, der Menschwerdung Christi.

Stolz trägt es sein langes gedrehtes Horn, dem magische Kräfte zugeschrieben wurden, auf der Stirn. Eine wild gelockte Mähne fällt über den geraden Hals und lockert die harten Linien seiner aufrechten, steifen Haltung. Vor ihm sitzt in einem Baum ein Vogel, auf dessen Gesang das Einhorn scheinbar lauscht. Im Hintergrund schlängelt sich ein Bach durch ein schmales Tal. Häuserreihen schmiegen sich an sein Ufer und an eine ferne Anhöhe.

"Das Einhorn, "dieses nichtexistente Fabeltier, dessen Nichtvorhandensein auf's Tiefste zu beklagen ist", erscheint in unzähligen Darstellungen durch die Jahrhunderte hindurch, und deshalb ist es schwierig, eine bestimmte Vorlage für das Stuckbild zu nennen. In den Apotheken galt das Horn als kostbare Arznei. Mercklein (Frankfurt 1714) bringt in seinem "Historisch-Medizinischen Thierbuch" gleich vier Einhornbilder und macht genaue Angaben über Aussehen, Vorkommen, Lebensweise und Fangmethode (!)."

Auszug aus dem Artikel von Dr. Wilhelm Völksen in " Beiträge zur Geschichte der Pharmazie", 36. Jahrgang 1984, Band 31, Nr. 23, Seite 18/202

(Zitat hinzugefügt)

Das danebenliegende Relief zeigt eine ungewöhnliche Jagdszene.

Eine wohl von Jägern bis zum Abgrund gehetzte Gemse, springt in ihrer Todesangst einen bewaldeten Abhang hinunter. Doch am Fuße des Berges hockt, als hätte er sie erwartet, ein Jäger, bereit, den ausgestreckten Speer in ihren Leib zu stecken.

Als letztes Bild der Reihe und des Zimmers finden wir einen Ausschnitt aus der Jonalegende. Jona war ein Prophet Jesu, der von Gott den Befehl erhielt, in der Stadt Ninive zu predigen. Jona aber fürchtete sich vor seiner Aufgabe und floh vor Gott auf ein Schiff, das nach Tharsis fuhr.

Da erhob sich ein schreckliches Unwetter auf dem Meer, und die Seeleute warfen Bündel und Päckchen in die aufgepeitschte See, um ihr Schiff zu erleichtern. Bald erkannten sie, daß das Meer um Jona willen so tobte, denn er hatte den Zorn Gottes auf sich geladen. Da ließ er sich in die brodelnden Fluten werfen, um die Gefahr vom Schiff abzuwenden. Doch Gott sandte einen großen Fisch, der Jona verschlang und nach drei Tagen und drei Nächten unversehrt am Lande wieder ausspie. (Aus dem alten Testament, Prophet Jona, Kap. 1 u. 2)

Auf dem Relief ist der Augenblick festgehalten, da sich das Meer von seinem Wüten beruhigt, weil es Jona als Opfer bereits empfangen hat. Das stolze Segelschiff gleitet langsam über die lebhaften, kleinen Wellen; seine Segel sind noch eingezogen vor dem heftigen Unwetter. Auf den Wogen schaukeln noch einige Päckchen, mit denen die Seeleute das Schiff entlasteten. Gerade taucht der große Fisch mit einer ungeheuren Schwanzflosse aus dem Wasser, um Jona zu verschlucken.

Die Abbildung der Jonalegende unterscheidet sich deutlich von den übrigen Darstellungen. Sie wurde viel weniger plastisch geformt und sitzt nicht wie alle anderen Reliefs in einer Vertiefung, die durch das Balkenwerk entsteht, sondern ragt ebensoweit wie die Balken hervor.

An dieser Stelle soll es einmal gebrannt haben, und es wird danach nicht mehr möglich gewesen sein, die Stuckatur in der alten Art einzusetzen.

Ein anderer Querbalken in der Mitte des Raumes wurde durch die Abbildungen verschiedener Tiere, die sich gegenseitig zu jagen scheinen, besonders betont.

(Bilder hinzugefügt)

An jeder Kreuzung der Quer- und Längsbalken unterbrechen einzelne Früchte - Apfelsinen, Zitronen, Birnen, Ananasfrüchte oder aufbrechende Maiskolben - das dichte Balkenwerk und vervollständigen die harmonische Anlage der Deckenverzierung.

Kupferstiche könnten als Vorlagen gedient haben

"Der Beschauer der Deckenbilder erkennt z.T. bekannte Szenen aus Äsopschen Fabeln (z.B. Der Fuchs und die Trauben oder Der Handelsmann und der Tod). ... Im vorliegendem Fall führte die Durchsicht von Fabelsammlungen in Ausgaben des 17. Jahrhunderts zur Entdeckung von Vorlagen und damit zur Deutung verschiedener Bilder. Elf von zwanzig Sruckbildern des Raumes 3 können auf Kupferstiche von Marcus Gerards zurückgeführt werden, die sich in einer Sammlung Äsopscher Fabeln mit dem Titel "De warachtige Fabulen der Dieren", 1567 herausgegeben von Edward de Dene, finden."

Auszug aus dem Artikel von Dr. Wilhelm Völksen in " Beiträge zur Geschichte der Pharmazie", 36. Jahrgang 1984, Band 31, Nr. 23, Seite 18/202

Viele der Deckenbilder auf einen Blick

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