Bergapotheke Zellerfeld

Das Wohnzimmer

Eine abwechslungsreichere Stuckdecke als in der Offizin finden wir in dem gegenüberliegenden Wohnzimmer. (Die Räume mit Figurenschmuck sind auf den Planskizzen auf Seite "Das Innere des Hauses" eingezeichnet.)

Dort sind Jagdszenen, menschliche Untugenden und antike Gottheiten auf seltsamen Gespannen abgebildet.

Den Stolz veranschaulicht die Superbia, eine prunkvoll gekleidete Frauengestalt mit langen wallenden Locken und hohem Kopfputz. Ihr Gesicht und besonders ihre Haltung drückt Überheblichkeit und Hochmut aus. Zu ihren Füßen versinnbildlicht eine Sonne ihre Eitelkeit.

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Neben der Superbia schaut die Pigrita auf uns herab, welche die Faulheit verkörpert. Sie trägt beide Arme gebunden auf einem Kissen und ihre Haare sind nicht frisiert.

Ihre Torheit wird durch einen seltsam anmutenden Esel- oder Schweinekopf symbolisiert.

Nun beginnt die Reihe der antiken Gottheiten: Auf einem mit zwei (Höllen-)hunden bespannten Karen fährt Pluto, die die Hand nach den Wolken auszustrecken scheint.

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Auf dem nächsten Bild zeigt sich die Morgenröte in gestalt einer Frau. Sie sitzt in einem Wagen, den zwei Tauben ziehen und hält in der ausgestreckten Hand eine Fackel, um den Himmel zu entzünden.

Neben ihr schlägt ein bärtiger Triton halb Mensch, halb Fisch, die Harfe,

während die Jagdgöttin Diana mit Pfeil und Bogen in der Hand auf

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einem von Hirschen oder Rehen gezogenen Wagen zur Jagd fährt. Ein fliegender Amor begleitet sie.

Auf einem anderen Gespann, das zwei wilde, aus dem Wasser auftauchende Pferde ziehen, sitzt Amphitrite, die Gemahlin des Neptuns. Sie schwingt das Symbol des Meergottes, einem Dreizack, in der Linken.

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Vor den Wagen der Proserpina, die Pluto in die Unterwelt entführt haben soll, sind zwei Ungeheuer mit Flügeln, Schwänzen, Flossen und Beinen gespannt. Proserpina weist ihnen mit der rechten Hand vielleicht den Weg zur Oberwelt, auf der sie der Sage nach zwei Driettel des Jahres leben durfte.

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Neben ihr fährt Venus, die schaumgeborene Göttin der Liebe, über das Meer. Ihren Wagen ziehen Delphine, auf denen zwei Putten oder Armorkinder reiten, während sie ihre Schönheit in einem Spiegel betrachtet.

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Als letzte Gestalt sehen wir Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus, die Schutzgöttin der Ehe und der Frauen. Vor ihrem Wagen sind Kühe gespannt, die ihr heilig waren. Mit ihrer Linken weist sie zum Himmel empor.

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In der Abbildung der Hera ragt das natürliche Geweih eines Hirsches aus dem darunterliegenden Fries. Es liegt nicht im Blickfeld, wenn man das Zimmer vom Flur aus betritt, sondern direkt über der Tür. Einige Leute vermuten, der Bauherr Jakob Andreas Herstelle habe an der gegenüberliegenden Wand ebenfalls ein Fries anbringen lassen, das aber durch die Feuchtigkeit der Wand, eine Ostseite, schadhaft geworden sei und abgenommen werden mußte.

Der Fries über der Tür zeigt einen kleinen fressenden Affen, einen Hirsch, dessen Kopf und natürliches Geweih weit in den Raum ragt, eine Burg, einen Jäger, einen Mann in zerrissener Kleidung mit einer Geldbörse, einen Frosch und eine Ziege.

Eine Kunsthistorikerin deutet diese Figuren als die fünf Sinne des Menschen. Den Geschmack soll der kauende Affe verkörpern, während dem Hirsch das gute Gehör eigen sein könnte. Der zielende Jäger versinnbildlicht vielleicht das Sehen, und der Mann, der die Geldbörse eng an seinen Körper preßt, um den Besitz zu fühlen, veranschaulicht wahrscheinlich das Gefühl. Besonders originell ist die Darstellung des Geruchsinnes durch eine Ziege.

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Sicher haben auch die Burg und der Frosch eine bestimmte Bedeutung. Die Burg steht vielleicht als ein Symbol der Geborgenheit, der Rettung, des Schutzes. Die Kröte dagegen soll wohl alles häßliche und Gräßliche bezeichnen.

Auf dem Bild sehen wir, einmal von der rechten und einmal von der linken Seite des Zimmers aufgenommen, das Fries und die Deckenbalken mit ihren vielfältigen, kunterbunten Verzierungen.

Da wechseln Blumen- und Früchtearrangements mit Blättern, Ranken, Pilzen, vereinzelten Pflanzen und "seltenen Vögeln". Insgesamt wirkt die Decke zwar nicht unübersichtlich, aber für den heutigen Geschmack ein wenig überladen.

Vorbilder und Deutung

"Auch die Stuckbilder des Zimmers sind keine Originalschöpfungen, sondern nach Vorbildern geschaffen. Hierfür hat die im 1. Jh. in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen mit Erneuerungen und Erweiterungen erschienen Ikonologia de Cesare Ripa (39) (Pseudonym für Giovanni Campani) Pate gestanden. Die Ausgaben enthalten weniger Bilder (Holzschnitte) als vielmehr Wortbeschreibungen von "fürnehmsten Tugenden / Lastern / menschlichen Begierden / Künsten / Lehren / Elementen, etc. ..." wie auch der klassischen Gottheiten "sinnreich vorgestellt". Diese Beschreibungen geben nach der Absicht des Verfassers dem nachbildenden Künster und Kunsthandwerker wie Kupferstechern und Bildhauern, aber auch Predigern und Poeten Anregungen unter Wahrung einer gewissen Freiheit in der Gestaltung. Diese Freiheit in der Erfindung "artlicher Gedanken und nachdenklicher Sinnbilder" bringt es mit sich, daß die Deckenbilder des Raumes 2 nicht in allen Stücken dem Wortlaut Ripas entsprechen, der aus verschiedenen antiken und späteren Schriftstellern mythologische Beschreibungen kompilierte. Auch sind die halbplastischen Bilder die "Übersetzung" von Worten, und das geht ohne eine gewisse Willkürlichkeit nicht vonstatten. ...

Die Gestalten der Superbia und der Pigritia stimmen mit der Ripaschen Beschreibung sehr gut überein. Die Göttergestalten auf ihren Wagen und mit ihren Attributen, die zu ihrer Identifizierung beitragen könnten, sind unterschiedlich und widersprüchlich beschrieben entsprechend den verschiedenen Quellen aus denen die Verfasser obiger Werke schöpften, so daß gewisse Unsicherheiten bleiben."

(39) Ripa, C., Iconologia. Roma 1603 und spätere Ausgaben

Aus: Dr. Wilhelm Völksen, " Beiträge zur Geschichte der Pharmazie", 36. Jahrgang 1984, Band 31, Nr. 23, Seite 16/200 u. 17/201

"Superbia hat eine Narrenmaske, Prigritia die Arme in einer Binde und einen Eselskopf zu Füßen. Diese Figuren in der inneren Ecke des Raumes weichen auffallend von allen übrigen an der Decke ab. Es hat den Anschein, als ob der Handwerker zwei Modelle aus einer anderen Serie hier verwendet hätte, weil er für die anderen acht Deckenmotive keine weiteren dazugehörigen verfügbar hatte. Wie die bisher beschriebenen sind beide als Flachreliefs weitgehend der Bildebene angepaßt. Die übrigen ragen als Freiplastiken weit in den Raum hinein und fließen über den Rahmen hinaus."

Aus: Hans-Günther Griep, "Das Bürgerhaus der Oberharzer Bergstädte", Seite 216

Weiter führt Griep im selben Kapitel aus, dass die dargestellten Gottheiten nach ihrem familliären Zusammenhang angeordnet sind und zieht, ausgehend von den Verwandschaftsgraden, Linien, die mehrere sich überschneidende Dreiecke bilden. Aus diesen Dreiecken ließen sich die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft sowie die der vier Jahreszeiten ableiten. Ferner baut Griep Verbindungen zu den dargestellten Pflanzen und Gegenständen auf, die für die Herstellung und Aufbewahrung von Arzneien verwendet wurden. Aus den Eigenarten der dargestellten Gottheiten leitet er Stärken und Schwächen ab, die im Zusammenhang mit Arzneimitteln und menschlichen Befindlichkeiten stehen. Darüber hinaus sieht er die Gottheiten mit ihren abgebildeten Merkmalen in Verbindung mit der Alchemie bzw. Metallurgie und letztendlich mit dem Bergbau. Z.B. ein Halbmond bei Diana, welcher für Silber steht.

Hier stellt sich jedoch die Frage, ob die Meister dieser Stukkaturen bewusst all die damaligen Weisheiten nach einem bestimmten System eingearbeitet bzw. nach Anleitung des Bauherrn gefertigt haben, oder ob es sich dabei nicht eher um eine eigenwillige wenn auch interessante Interpretation von Griep handelt.

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